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18.01.2012
Galante Texte

Wandersleben ehrt den Dichter Menantes mit erotischer Literatur und Land-Lust

Einweihung des Menantesdenkmal 2003 (Foto: Menantes-Förderverein)
Einweihung des Menantesdenkmal 2003 (Foto: Menantes-Förderverein)

Erhebe dich mit deinen zarten Lenden, Schau wie die Lust schon alle Glieder dehnt. - Es war anno 1702, da Christian Friedrich Hunold dies in seine Feder gab. Doch war es nicht sein Vatername, der den am 29. September 1680 als Sohn des Gräflich-Gleichen-Hatzfeldtischen Pachtmannes Tobias Hunold zu Wandersleben geborenen Dichter berühmt machen sollte, als vielmehr sein einer Opernfigur entlehntes Pseudonym Menantes.

An Leben und Werk des lange vergessenen und einst gefeierten Schriftstellers erinnern seit dem 17. September 2005 die seinen Namen tragende Literaturgedenkstätte im idyllischen Pfarrhof von St. Petri in Wandersleben und der 2012 zum vierten Male vom Menantes-Förderverein ausgeschriebene Preis für erotische Dichtung. Außerdem wird in diesem Jahr noch zu „Musikalisch-literarisches Land-Lust“ nach Wandersleben sowie in die Nachbargemeinden Apfelstädt und Kornhochheim eingeladen.

MenantesFolgt man den Worten des evangelischen Pfarrers Bernd Kramer, dann vermögen Herz und Verstand aufzugehen über diesen großen Sohn des Ortes und deutscher Geistesgeschichte, der 25 Bücher verfasste. Sein 1700 erschienener erster Roman „Die galante und verliebte Welt“ begründete den frühen Ruhm. Der Titel eines im quartus-Verlag erschienenen Katalogs vermittelt eine Ahnung seiner Persönlichkeit: „Leben und Werk des vormals berühmten Christian Friedrich Hunold alias Menantes. Mit vielen Bildern und einer Auswahl seiner löblichsten Texte ans Licht gestellt von Jens-Fietje Dwars“. Zudem enthält jener die „erste Textsammlung des Dichters seit 250 Jahren“ – ausgewählt von Dr. Cornelia Hobohm aus Wandersleben. Die Namen Kramer, Dwars und Hobohm hört man derzeit als erstes im Ort, möchte man mehr über jenen Menantes erfahren.

Was man weiß, was man wissen sollte. Christian Friedrich Hunold war schon elfjährig Vollwaise, ging in Arnstadt in die Lateinschule, wechselte auf das vom Meister der barocken Poetik Christian Weise geführte „Gymnasium illustre Augusteum“ nach Weißenfels und studierte ab 1698 Jura an der Universität Jena. Nachdem er mangels Geld sein Studium abbrechen musste, zog es ihn in die Welt der Händler, Verleger und der Oper - nach Hamburg. Fand er zunächst Lohn und Brot als Schreiber für einen Advokaten, verfasste er in seiner freien Zeit satirische Romane und Gedichte aber auch Librettos („Salomo“, „Nebucadnezar“) und ein Passionsoratorium („Der blutige und Sterbende Jesus“). Menantes nahm in seinen vielgelesenen Schriften kein Blatt vor den Mund und hielt den bürgerlichen wie aristokratischen Zeitgenossen seinen kritischen Spiegel vor. Sein „Satyrischer Roman“ zum frivolen Hamburger Opernleben freilich löste anno 1706 einen derartigen Skandal aus, dass er nach Wandersleben fliehen musste. Hier reflektierte er u. a. über „Die allerneueste Art zur reinen und galanten Poesie zu gelangen“. Dieses „nicht weit von Freudenthal bey dem Schlosse von Gleichen“ 1706 entstandene Werke konnte mit öffentlicher und privater Förderung für das neue Museum angekauft werden.

Anno 1708 machte der galante Stilist und spätere Doktor der Rechte sowie Privatdozent in den Salons von Halle an der Saale von sich reden. Man las seine Texte und hing an den Lippen jenes Mannes, der schon Jahrzehnte vor dem Freiherrn von Knigge über gutes Benehmen schrieb. Dies etwa 1710 in „Die Manier, höflich und wohl zu reden und zu leben“ und in übersetzten Äsopschen Fabeln zur „Auferziehung der Jugend“. Als er schließlich vier Jahre später seine Elisabeth Zindel heiratete, die ihm vier Kinder gebar, löste sein Federkiel keine Skandale mehr aus.
Wer heute durch die attraktive Gedenkstätte an Apfelstädts Kulturmeile streift, der kann sich dank des 2002 gegründeten Menantes-Förderkreises einsehen und einlesen in eine illustre Epoche. Ein Film porträtiert diesen Hauptvertreter barocker Dichtkunst einfühlsam. Zudem fällt der Blick auf Ausgaben seiner Bücher, Dokumente sowie einige Möbelstücke. Man begegnet nicht nur dem erotisch-frivolen Autor, sondern auch einem Dichter, der sich mit der aktuellen Geschichte auseinandersetzte.

Nicht bestätigen lässt sich, ob Menantes seinen Zeitgenossen Johann Sebastian Bach persönlich kennenlernte. Kramer: „Annehmen sollte man es freilich, sowohl ob der räumlichen Nähe als auch aus Arbeitsgründen“. Denn Bach vertonte sieben Texte von Menantes. Zudem finden sich seine Werke in Kompositionen von Georg Philipp Telemann und Johann Friedrich Fasch wieder. Ein wiederentdecktes Oratorium von Reinhard Keiser und Menantes, der 1721 in Halle verstarb, wurde im Oktober 2010 in der St. Petri-Kirche aufgeführt und vom Deutschlandfunk in der Reihe „Grundton D“ aufgezeichnet.

Menantes

Dr. Dwars und Pfarrer Bernd Kramer bei einer Buchvorstellung- Preisverleihung 2010 (Foto: Menantes-Förderverein)

Überhaupt, Menantes 2012. So wird zum vierten Male der nach ihm benannte Preis für erotische Dichtung zusammen mit dem Thüringer Literaturmagazin Palmbaum ausgeschrieben (Einsendeschluss 31. März). Der 2007 mit dem Thüringer Kulturpreis geehrte Freundeskreis lädt unter der Schirmherrschaft des Thüringer Ministers für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Christoph Matschie, für Sonnabend, den 16. Juni, 15 Uhr, wieder unter die ausladenden Bäume des stimmungsvollen Pfarrhofes, wo die besten Verfasser bei Kaffee und Kuchen in der Endrunde wetteifern. In den vergangenen Jahren haben sich bis zu 700 Autorinnen und Autoren aus 15 Ländern um die Ehrung beworben. Eine Auswahl ihrer Gedichte und Geschichten halten die bisher drei erschienenen Anthologien des quartus-Verlags fest. Die jüngste trug 2010 den Titel „Lob der Jadeflöte“. Bereits zugesagt im Pfarrhof hat auch Menantes – und zwar in der Vertretung durch den Erfurter Schauspieler Gunthart Hellwig, der wichtige Werke des Dichters auf CD eingesprochen hat.

Nicht zu vergessen sind neben der Verleihung des Menantes-Preises auch eine Lyrik-Orgel-Nacht in der St.Petri-Kirche (15. Juni), Konzerte des Thüringer Orgelsommers (6. und 27. Juli) sowie Theater in der Kirche mit „Geliebter Lügner“ (7. Juli). Zum Reigen der zahlreichen Veranstaltungen gehören außerdem die „Musikalische Landlust“ (5. Mai) sowie ein Reformations-Festgottesdienst mit Musik (10. Juni). Schließlich wird noch weiteren Schriftstellern, Wissenschaftlern und bildenden Künstlern Gelegenheit geboten, sich ihrem Publikum zu präsentieren. Ein anderer traditioneller Höhepunkt ist das Fest zum Tag des offenen Denkmals (9. September).

Pfarrer Kramer: „Wir arbeiten mit Weitblick und wollen die erste Anlaufstelle zu Menantes sein - vom Vergnügen bis zur Wissenschaft“. Dies getreulich jenem Zitat auf dem Menantes-Denkmal vorm Pfarrhof: „Dieses Weltmeer zu ergründen, ist Gefahr und Eitelkeit, in sich selber muß man finden Perlen der Zufriedenheit“.

Weitere Informationen kann man in einem ausführlichen Faltblatt sowie unter der Internetadresse erfahren: www.menantes-wandersleben.de

Wolfgang LEISSLING