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17.07.2013
Der zu spät gekommene Pionier

Verliebt in das süße Gift des Impressionismus und Neoimpressionismus: Curt Herrmann in Apolda

Bild von Curd Herrmann: Im Park von Schloß Belvedere in Ehringsdorf bei Weimar
Bild von Curd Herrmann: "Im Park von Schloß Belvedere in Ehringsdorf bei Weimar (1909)" (Foto: Landratsamt Weimarer Land)

Apolda. Was hätte er für einen anhaltenden Lebensruhm erworben, wäre er nicht gleich zweifach zu früh gekommen, der Maler und Zeichner Curt Herrmann (1854-1929). Eine Ahnung davon vermitteln jene 75 Gemälde, Aquarelle, Pastelle und Zeichnungen, die das Kunsthaus Apolda im Van-de-Velde-Jahr erstmals in Thüringen zeigt. Denn: die Retrospektive erinnert zugleich an eine legendäre Künstlerfreundschaft, die den aus Merseburg stammenden Herrmann mit dem belgischen Alleskünstler verband.

Es war der in Apolda geborene Kunsthistoriker Franz Roh, der seinerzeit über das „kulturelle Mißverstehen“ und die „verkannten Künstler“ reflektierte. Und selbst der Kurator der Ausstellung, Hans-Dieter Mück, bekannte gegenüber TA, den Namen des königlichen Professors h.c. Curt Herrmann erst vor fünf Jahren kennengelernt zu haben, fasziniert von dessen leuchtenden Farben und den reduzierten Formen. Was war das Besondere an diesem Curt Herrmann, dem der naturalistische Akademismus in München und Berlin nicht behagte und der kreative, eigene Werke schuf, die heute mit fünfstelligen Summen gehandelt werden? Ein Kritiker höhnte damals, dass Herrmann vom „Impressionismus durchseucht“ sei. Dabei ging es jenem schlicht darum, „das Wesen der Schönheit und das Wesen der Harmonie in einfachster Form erschöpfend malerisch darzustellen“.

Die thematisch gegliederten Räume bezeugen, dass Herrmann zehn Jahre vor Liebermann, Corinth oder Slevogt erstmals in Deutschland impressionistische Stillleben mit heller Palette und sich auflösenden Formen geschaffen hatte. Um 1900 schließlich gelang es ihm, das optische, farbige Licht durch konsequent verwandte reine Grundfarben (Rot, Blau, Gelb – die Bauhausfarben) zu erobern. Dabei überwand er die reinen Punkte in Stillleben und Landschaften mit dynamischen, parallel gesetzten Strichen. Dies war die Geburtsstunde des Neoimpressionismus hierzulande. Gleichwohl erntete der Maler trotz Ausstellungen zwischen Paris und Berlin teils unsachliche Kritik und unverhohlene Häme. Seine letzten öffentlichen Personalschauen wurden 1920 in Erfurt und Weimar eröffnet, wo er einst auch zu Gast bei Großherzog Wilhelm Ernst weilte.

Herrmann hatte insofern besonderes Glück, dass er mit Sophie Herz nicht nur eine attraktive, sondern auch vermögende Frau für sich gewann, die zudem im Oberfränkischen in einem Schloss lebte, in dessen Umgebung der Maler zahllose Motive fand. So erleben wir auf Schloß Pretzfeld den Duft der Blüten und die Stimmungen durch die Jahreszeiten, die Badenden am Flussufer oder die blühenden Apfelbäume. In dieser dem Betrachter viel meditativem Raum zulassenden Präsentation findet sich auch das extreme Querformat „Im Wiesenttal bei Pretzfeld“ (1896/97, Öl auf Leinwand), dessen Rahmen Henry van de Velde entworfen hatte. Auf ihrer Hochzeitsreise 1897 hatte das Paar Van de Velde mit der Einrichtung von Salon und Speisezimmer in dessen Berliner Wohnung beauftragt. Nach einer Mittelmeerkreuzfahrt folgten viele weitere Gemeinsamkeiten der beiden Familien. Van de Velde erkannte Herrmann an der „Spitze der neuen Bewegungen in der deutschen Malerei“. 1903 schließlich nahm der vor Leidenschaft für die Farben brennende Maler an Harry Graf Kesslers Neoimpressionisten-Ausstellung in Weimar teil.

Mit Hermann, dem zu früh gekommene Maler, Autor des pädagogischen Manifestes „Der Kampf um den Stil“ und Sammler der Moderne, verbindet sich in der letzten Schaffensphase noch ein weiteres Achtungszeichen. Denn, 1915 malte er farbensprühende, nahezu abstrakte Aquarelle zeitgleich zu Kandinskys bildnerischen Findungen. Damit suchte er zugleich das ihm von der Front geschilderte Leid seiner Künstlerkollegen zu kompensieren. Als Herrmann nach mehreren Klinikaufenthalten stirbt, lobt van de Velde im Nachruf dessen Güte und Hochherzigkeit: „Es ist weniger am Platze, ihn zu beweinen, als sein Beispiel aufzustellen!“ Die Ausstellung trägt zu diesem Nachruhm bei.

Im Anschluss an Curt Herrmann zeigt das Kunsthaus ab 15. September „Verführt von Landschaft“ – eine Schau mit Werken aus drei Jahrhunderten des Sels-Museum Neuss. Die Ausstellung zu Heinrich Vogeler muss leider entfallen.

Geöffnet bis 18. August, Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, Eintrittspreise: Erwachsene 5 Euro, ermäßigt 4, Familienkarte 8, Schulklassen (je Schüler) 1; Katalog 17 Euro.

Von Wolfgang Leißling