Mittwoch 22. August 2018

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30.09.2013
Bilderparcours durch die Kunstgeschichte

Verführung mit Landschaften in Apolda

Johan Thorn Prikker: Landschaft bei Visé
Johan Thorn Prikker: Landschaft bei Visé - um 1896/1897 - Farbkreiden - Clemens-Sels-Museum Neuss (Foto: Landratsamt Weimarer Land)

Wie auch immer der Herbst ausfallen mag, grau oder sonnig, es gibt gleich mehrere Gründe, dem Motto der aktuellen Ausstellung im Apoldaer Kunsthaus zu folgen: „Verführt von Landschaft“. Möglich macht dies eine erstmalige Schau mit 60 Gemälden und Arbeiten auf Papier aus der Sammlung des Clemens-Sels-Museums zu Neuss hierzulande. Ein „faszinierender Rückblick“ auf Landschaftsmalerei vom 17. bis zum 20. Jahrhundert wird versprochen und – gehalten, derweil man in Neuss das Museum (1844 gegründet) saniert. Ein Glücksfall für die Thüringer.

Man will es kaum glauben, dass diese Sonderausstellung in nur zwei Monaten zustande kam, da die geplante Werkschau mit Heinrich Vogeler wegen unerwarteter Absagen der Leihgeber leider nicht zustande kam. Und so konnte der Geschäftsführer der Apolda Avantgarde, Hans Jürgen Giese, nur zu glücklich sein, dass alle Sponsoren zur Stange hielten, grünes Licht für die ungeplante Exposition gaben und sogar ein repräsentativer Katalog mit ausführlichen Biographien (168 Seiten, 17 Euro, Herausgeber Hans-Dieter Mück) angeboten werden kann.

Die Kuratoren Hans-Dieter Mück (Utenbach/Apolda) und Bettina Zeman (Neuss) laden den Betrachter auf zwei Etagen in den chronologischen geordneten Räumen der Villa zu einem Bilderparcours durch die Kunstgeschichte mit wichtigen Vertretern ein. Es ist eine sinnliche erlebbare Gelegenheit, Kunstwerke zu sehen, die in Europa (besonders Niederlande und Rheinische Expressionisten), den USA und Japan entstanden – ausschnitthaft und die Epoche übergreifend. Was sich dem Auge präsentiert, ist zum einen Abbild einer vergangenen Wirklichkeit wie etwa die „Schlittschuhläufer“ (1622) von Joost Cornelisz Droochsloot, zum anderen aber werden damit auch Fragen gestellt zur aktuellen Auseinandersetzung mit der Landschaft als einem immer gefühlsbesetztem Kulturträger. Denn: das harmonische, unberührte Idyll von einst erweist sich heute vielfach als ein von Menschen bedrohtes Refugium. Wie bekannte doch Christian Morgenstern „Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele“.

Die Verführung zur Landschaft beginnt im Erdgeschoss, wo der Farbholzschnitt eines „Pflaumengarten bei Vollmond“ (1888) von Tsukioka Yoshitoshi ebenso zu bewundern ist, wie eine in Öl gemalte „Waldlandschaft mit fahrenden Händlern“ (1604/27) von Anton Miron, die Zinkradierung von James Ensor „Windstoß am Waldrand“ (1888) oder Walter Opheys in Öl gemalte, mystisch anmutende „Parklandschaft mit See“ (um 1912).

Bereits im Entree der Ausstellung deutet sich die seinerzeitige Entwicklung der Farben an, von den zunächst eher braunen Tönen bis hin zu deren zunehmender Autonomie im Impressionismus und Expressionismus. Die Naturformen lösten sich mit den Jahrhunderten in Licht, Farben und reduzierten Formen auf. So vollzog sich die Auseinandersetzung mit dem so beliebten Sujet Landschaft von der naturalistischen Auffassung über die geometrischen Interpretationen eines Heinrich Nauen, die symbolistische Sicht James Ensors, den Japanismen Emil Orliks bis hin zu den freien Farbabstraktionen eines Christian Rohlfs oder den naiven Bildfindungen der Autodidaktin Emma Stern.

Der an der Weimarer Großherzoglichen Kunstschule studierte Rohlfs ist in der Belletage des Hauses mit einem „Ostseemotiv“ (1926) in Wassertempera vertreten. Parallel gezeigt werden u.a. eine aquarellierte „Landschaft“ (1926) von Helmuth Macke, die farbflirrende „Landschaft mit Holzstoß“ (1911) von Heinrich Nauen sowie jener „Garten in der Moerserstraße“ (um 1908) im „bewegten Pinselduktus“ von Heinrich Campendonk.

In Apoldas Kunsthaus ist ein durchaus auch nostalgisch zu benennender Schritt zu Bildmotiven aus „gefühlten Landschaften“ über die Jahrhunderte möglich, vermag man einzutauchen in die Geschichte dieses Genres. Dies – wenn man möchte - begleitet per Audioführung oder mit dem preiswerten Kombiticket in der Hand für den zusätzlichen Besuch der Ausstellung „Henry van de Velde“ in den Kunstsammlungen Jena. Die Ausstellung in Apolda ist bis zum 15. Dezember geöffnet (Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr), bevor sie in das Paderborner Schloss Neuhaus umzieht.

Ausblick: Im 20. Jubiläumsjahr des Kunstvereins Apolda werden 2014 Werke von Pablo Picasso, Henri Matisse und Harald Gratz (Thüringen) sowie Fotos zu Marilyn Monroe gezeigt.

Von Wolfgang Leißling