Dienstag 28. März 2017

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11.06.2016
Kluger Beobachter

Landolf Scherzer hat „Der Rote“ veröffentlicht

Landolf Scherzer, von dem niemand, der ihn kennt, wirklich glaubt, dass er im April 74 geworden ist, hat ein neues Buch veröffentlicht. „Scherzers Reportagen über den ,Ersten‘ und den ,Zweiten‘ sind legendär“, heißt es beim Aufbau Verlag einleitend über das neue Werk des Schriftstellers aus Dietzhausen. Für das 1988 erschienene und seinerzeit unerhörte Buch über den 1. SED-Kreissekretär Hans-Dieter Fritschler – sozusagen „Glasnost“ zwischen Buchdeckeln – gilt das uneingeschränkt. An den CDU-Landrat Stefan Baldus, über den Scherzer 1992 schrieb, erinnert sich heute aber wohl kaum jemand (höchstens daran, dass der als Innenstaatssekretär wegen einer nächtlichen Geburtstagsfeier derart wütete, dass die Polizei anrücken musste).

Für Landolf Scherzer ist es Aufgabe der Reportage, dass „sie Wirklichkeit beschreibt“. Seine Stärke sei dabei, so hat die TLZ vor einigen Jahren geschrieben, „der genaue Blick fürs Detail“. Er selbst betont in einem Interview, er habe „in beiden Büchern fast alles aufgeschrieben, was ich erlebt habe“. Sein neues Buch heißt „Der Rote“. Das ist – natürlich – Bodo Ramelow, der erste Ministerpräsident der Linkspartei. Beide kennen sich seit mehr als zwei Jahrzehnten (Stichwort: Bischofferode). Doch Ramelows Amt fordert Tribut. „Meine Hoffnung, den Ministerpräsidenten mindestens 7 Tage von früh bis spät begleiten zu können, erweist sich als frommer Wunsch“, merkt Scherzer an. Dennoch beweist er sich wieder als großer Stilist, als kluger Beobachter mit Blick für Wesentliche. Auch bei einem Friseurtermin des Ministerpräsidenten – der Friseurmeister selbst betont, wie ein Arzt der Schweigepflicht zu unterliegen – erfährt der Schriftsteller etwas. Er (Ramelow) „würde jede Ecke von Thüringen kennen, denn nach der Wende war er als Gewerkschafter überall unterwegs“. Scherzer wundert sich denn auch über Bodo Ramelows „phänomenales Gedächtnis“ wundert. Inzwischen soll Bodo Ramelow allerdings intern zugegeben haben, zwei Dörfer noch nicht zu kennen… Er wolle nicht kommentieren, wie Bodo Ramelow sei, hat Landolf Scherzer in einem Interview mit der Thüringer Allgemeinen gesagt. Jeder könne über das Aufgeschriebene selbst urteilen. Dazu soll hier ausdrücklich motiviert werden.

Einige Rezensionen sind erschienen. Eher prätentiös geht es in der Süddeutschen Zeitung zu: „Landolf Scherzer wollte ein Buch über die Revolution und ihren Anführer schreiben, und dass ihm beides nicht gelungen ist, darf man durchaus als gute Nachricht begreifen.“ Scherzer konfrontiere seine Gesprächspartner „von seinem linken Standpunkt mit unbequemen und teils launischen Fragen“, schätzt die TLZ ein.

Von Stefan Wogawa

Landolf Scherzer: Der Rote. Macht und Ohnmacht des Regierens, Aufbau Verlag Berlin 2015, 363 Seiten, ISBN 978-3-351-03621-8, 19,95 EUR