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18.03.2012
Ein Märtyrer im Marmorblock

Festliche Enthüllung der Skulptur des Heiligen Benignus von Thomas Nicolai

Eingehüllte Skulptur des Heiligen Benignus
Eingehüllte Skulptur des Heiligen Benignus (Foto: Roman Müller)

Es ist kein Aprilscherz, wenn just für den Palmsonntag am 1. April (14 Uhr) in Erfurt-Bischleben zur festlichen Enthüllung der Marmorskulptur des Heiligen Benignus eingeladen wird. Geschaffen hat die 1,80 Meter über dem Boden stehende Figur des Menschlichkeitsapostels der Erfurter Zeichner, Objektkünstler und Musiker Thomas Nicolai.

Den Namen des heiligen Märtyrers Benignus, des Gütigen von Dijon, tragen nur drei Kirchen in Europa, darunter jene evangelische in Erfurt-Bischleben. Anläßlich des feierlichen Aktes erklingt in dem um 1470 erbauten Gotteshaus ein Benignus-Oratorium – als Uraufführung.

Thomas Nicolai gestaltete die Figur dieses Schutzheiligen über Monate in seinem Freiluftatelier und ward dabei gefördert von der mäzenatischen Fa. Marmor Grund im Norden Erfurts. Deren Inhaber Steffen Grund wusste sehr wohl, wen er unterstützte. Denn, dieser 1964 in Erfurt Geborene, war mit seinem „Ideenlabor“ auch schon in den USA, Japan, England sowie Dubai vertreten und dichtete nicht zuletzt sein Bändchen „Glasperlenträume“. Jetzt hat ihn - den Inhaber des Büros für Kunst und architektonische Anwendungen - das Georg-Kolbe-Museum von Berlin zu einer Ausstellung eingeladen. Dazu will er eine kleinere Ausgabe seines ach so gewichtigen Benignus aus einem anderen Block „herausholen“.

Im Übrigen kennt man auch Nicolai höchst widerständig, etwa als er 1994/95 sein Denkmal für den unbekannten Wehrmachtsdeserteur an der Bastion Philipp auf dem Erfurter Petersberg erfolgreich gegen seine Kritiker verteidigte. Jenes wiederum ist längst zu einem sinnträchtigen Symbol gegen alte und neue Nazis geworden. Ein Unbequemer (wie der Benignus) ist Nicolai allemal, das wissen viele in der Stadt, auch seine Freunde von der Künstlervereinigung „5-Raum-Wohnung“.

In seiner „fliegenden Werkstatt“ hatte er bis Ende vergangenen Jahres Strom, Kisten mit Arbeitsklamotten und Platz für einen Laptop mit Vorzeichnungen, Studien und aktuellen Fotos. Klick um Klick erschloss sich dort im Wechsel der Jahreszeiten das Phantasiegesicht jenes Mannes, der in Smyrna (Kleinasien) geboren wurde, im Gallien des zweiten Jahrhunderts wirkte und als Missionar vermutlich 177 in Dijon sterben musste. In der dortigen Kathedrale seines Namens steht auch dessen überkommener Sarkophag.

Der mit Preisen und Stipendien wiederholt geehrte Nikolai bekannte einmal: „Ich bin kein gläubiger Christ, aber durchaus spirituell und möchte gern für die Kirchgemeinde Bischleben ein Werk schaffen, das hierher gehört und selbst dann noch da ist, wenn es mich längst nicht mehr gibt“. Glück hatte er und konnte Pfarrer Holger Lübs, die streitbare Pröpstin a. D. Elfriede Begrich und die Kirchgemeinde für sein Projekt begeistern. Dies nachdem er sich in die christliche Ikonographie vertieft und leider nur unbelegte bildnerische Zeugnisse zu diesem Kirchenpatron studieren konnte.

Seit dem „schweinekalten Winter“ des Jahres 2010/11 suchte der Künstler mit Sägen, Spitz-, Schlag- und Zahneisen, Hämmern, Fäusteln und Pressluft nach der richtigen Form für den weiß geschnittenen Stein. Während er „unter Schmerzen um die emotional berührende Gestalt rang“, standen ihm manchmal Tom Waits oder „Element of Crime“ akustisch aus dem Lautsprecher bei. Ab und an besuchten ihn Freunde und feierten den Fortgang der Dinge bei Bier und Bratwurst. Auch die den Auftrag auslösende Kirchgemeinde ließ sich ständig von den Wehen der bildnerischen Geburt berichten.
Übrigens hatte der Künstler sich den feinkörnigen Stein aus den apuanischen Alpen in Carrara selbst ausgesucht in Silvanons Steinlager. Mit seinem Auto war er damals runtergefahren, wollte dabei sein, um seinen Block zu finden. Das war für ihn Aufregung pur. Dann lag er eines Tages antransportiert im Freiluftatelier - der an einen riesigen Kühlschrank erinnernde Steinblock, fünf Tonnen schwer, 1,90 Meter lang und 95 x 95 Zentimeter messend.

BenignusEntstanden ist über die Monate die kompakte, lebensgroße Figur eines Wartenden, die im Stein erduldet, was der Künstler mühevoll aus ihm herausholte. Ein Wahlspruch des Benignus lautete: „Geh in die Welt und verschließ dein Inneres nicht“. Um zu sehen, „was der Block von mir wollte, musste ich zunächst die scharfen Ecken abschlagen, und irgendwann kam etwas, auf dem ich aufbauen konnte“, erinnerte sich Nicolai. Doch machte Benignus letztlich nur langsam Fortschritte, weil der Künstler sich völlig in das Schicksal des tragischen Heiligen vergraben hatte, um ihn „zeitgemäß und emotional berührend“ zu erwecken. Das war ein schwieriger Prozess zu einem Menschen und Missionar, von dem man nur weiß, dass er auszog in eine tumbe Welt, um dort Mitgefühl und Hoffnung zu predigen und dem die Römer dafür zunächst ihre Folterinstrumente zeigten, bevor sie seinen Leib martialisch richteten? Benignus wollte leben, doch seinen Worte abschwören, das konnte er nicht und opferte sich letztlich für seine Ideale wie viele Menschen vor und nach ihm. Nun richtet sich sein Marmorblick visionär auf eine imaginäre Ferne und den erhofften moralischen Menschen irgendwann. Nicolai: „Ich habe versucht, Benignus auf die heutige Zeit zu brechen, in der noch immer Menschen für hohe Ideen ihr Leben opfern. Und es ist kein Ende abzusehen!“

Der auf den Betrachter eher abgehärmt wirkende Märtyrer (sein Gedenktag ist der 1. November) hält die Arme vor dem Körper, wie um sich Halt zu geben und trägt den Kopf (Modell stand ihm ein befreundeter Erfurter Künstler) stolz erhöht. Seine Augen ruhen in sich. Die Lippen sind leicht geöffnet, als wollten sie sprechen. Der Körper steigt massig aus dem Riesenblock auf. Er hat einen Hund an seiner Seite, die Schnauze andächtig nach oben auf den heiligen Mann gerichtet, erinnernd an jene Tiere, die Benignus der Legende nach auf Geheiß zerfleischen sollten und sich ihm stattdessen vertrauensvoll zugesellten – vor ihm die Richter, hinter ihm das Volk.

Im Herbst des jüngsten Papstjahres kam der Heilige per Autokran schließlich von Erfurt aus in den Eingangsbereich der Kirche nahe des Turmes. Zahlreiche Kunstfreunde schauten dem nichtalltäglichen Akt damals begeistert zu. Nun folgt am Palmsonntag die langerwartete Enthüllung. An Zuschauern und Medienauflauf wird es dabei nicht mangeln.

„You don’t have to be alone“ heißt es in einem Song von „Nsync“, und so steht es auch am zehn Zentimeter ins Erdreich eingelassenen und jenes zwanzig Zentimeter überragenden Sockel des Heiligen Benignus unweit der Signatur des Künstlers. Mit dieser Skulptur will der Erfurter einen „künstlerischen Fußabdruck“ setzen. Schon zeigen sich Interessenten aus den USA, aus Dubai und Saudi-Arabien. Bleibt nur zu wünschen, dass für den ständig nach Sponsoren für seine kreativen Projekte suchenden Nicolai mehr als nur interessierte Nachfragen herauskommen. Den Menschenfreund Benignus würde es gewisslich freuen.

Von Wolfgang Leißling