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04.09.2012
Ausnahmetalent und Melancholiker

Apoldas Kunsthaus zeigt ab 9. September die Hauptwerke des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck

Bronzefigur "Betende"
Bronzefigur "Betende" (1917/18) (Quelle: Lehmbruck Museum Duisburg)

„Alle Kunst ist Maß. Maß gegen Maß, das ist alles. Die Maße, oder bei Figuren die Proportionen, bestimmen den Eindruck, bestimmen die Wirkung, bestimmen den körperlichen Ausdruck, bestimmen die Linie, die Silhouette und alles." Es war Wilhelm Lehmbruck (1881-1919), der dies formulierte. Diesem neben Ernst Barlach wichtigsten Bildhauer der klassischen Moderne ist eine Sonderaustellung ab 9. September im Apoldaer Kunsthaus gewidmet, wie man sie so umfänglich hierzulande noch nie sah.

Es erwartet den Besucher eine originäre Versammlung von Hauptwerken, darunter 51 Skulpturen sowie 60 Gemälde, Zeichnungen, Radierungen, Lithographien und historische Photographie aus dem Duisburger Lehmbruck-Museum sowie dem Nachlass der Familie dieses Ausnahmekünstlers. Es sind wahrlich bildnerische Kronjuwelen, mit denen Apolda aufwarten wird.

Seit das Kunsthaus Apolda 1995 in einer Fabrikantenvilla in der Bahnhofstraße 42 eröffnet wurde, hat der im Jahr zuvor gegründete Kunstverein immer wieder zu Begegnungen mit Bildhauern und deren Werken eingeladen: Alberto Giacometti, Aristide Maillol, Camille Claudel und Max Klinger. Nun also folgt eine Retrospektive für Wilhelm Lehmbruck - ein Mammutprojekt für zwei Kuratoren: Dr. Gottlieb Leinz (Duisburg) und Dr. Hans-Dieter Mück (Utenbach bei Apolda). Gefördert wird die Schau vom Freistaat Thüringen, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und weiteren Partnern.
Da die beiden Macher auf einen weltweit einzigartigen Fundus zurückgreifen können, entsteht eine Schau, in der sich „die künstlerische Entwicklung Lehmbrucks vom Neoklassizisten über den Sucher einer eigenen Formensprache bis hin zum Hauptvertreter der Skulptur des Expressionismus in fünf Werkgruppen eindrucksvoll“ demonstrieren wird.

Wilhelm Lehmbruck, geboren am 4. Januar 1881 in Meiderich bei Duisburg als Sohn eines Bergmanns und gestorben am 25. März 1919 in Berlin, ist in nur knapp zwei Jahrzehnten ein imposantes Werk gelungen, das sich vor allem dem menschlichen Körper frei vom damaligen Akademismus gewidmet hat. Er ist das, was man einen Frühvollendeten nennt, den u.a. Maillol beeinflusste. Wobei der Absolvent und Meisterschüler von Carl Janssen der Düsseldorfer Kunstakademie ein herausragendes Lebenswerk geschaffen hat. Besonders sein Paris-Aufenthalt trug dazu bei, einen eigenen plastischen Stil auszuprägen – expressiv abstrahierende Akte mit extrem langen Gliedmaßen. Sein „introvertierter und melancholischer Ausdruck“ bedeutete zugleich eine „fundamentale stilistische und spirituelle Erneuerung des Menschenbildes“. Was freilich in der Schandaktion „Entartete Kunst“ 1937 dazu führte, dass seine Werke aus den deutschen Galerien (u.a. die „Rückblickende“ von 1914 und die „Mutter-Kind-Gruppe“ von 1917/18 aus dem Erfurter Angermuseum) verschwinden mussten. Die extrem verinnerlichte, auf den einzelnen Menschen bezogene Kunst dieses 1919 gewählten Mitglieds der Preußischen Akademie der Künste war bei den Nazis nicht gefragt.

Zu sehen sind in Apolda seine architektonisch gebauten berühmten Skulpturen wie u.a. „Die Kniende“ (1911), die „Große Sinnende“ (1913), der „Geneigte Frauenkopf“ (1910), die Öl- und Temperamalerei „Badende“ (um 1913) und jene zarten Zeichnungen, die das Bindeglied zwischen Plastik und Malerei waren. Das traumatische Erleben des Krieges als Sanitäter und Maler drückt sich u.a. in solch existentiellen Bronzeplastiken wie „Der Gestürzte“ (1915) oder auch „Der sitzende Jüngling“ (1916/17). Es sind dies „innige und erschütternde Menschenbilder voller Melancholie und Einsamkeit“, die mit ihren vertikal gelängten Gliedern „eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Menschlichkeit“ in einer friedlichen Welt ausdrücken.

Einmal mehr verbindet sich auch mit dieser Apoldaer Ausstellung ein besonderer Katalog, der dem aktuellen Forschungsstand entspricht. Dies beginnt bei der gänzlich neuen Werkbiographie „als absolutem Novum“, wie Mück schwärmt. Immerhin hat er dazu rund 150 Dokumente mit der ihm eigenen Akribie bearbeitet. Zum anderen widmet sich der seit Jahren in Thüringen beheimatete Kunsthistoriker den sich nicht zuletzt in seinem Frühwerk widerspiegelnden engen Beziehungen eines Joseph Beuys zu dem Bildhauer. Ein anderer wichtiger Aspekt ist Lehmbruck unglücklichen Liebe, die der depressive Künstler für die Schauspielerin Elisabeth Bergner (1897-1986) empfand. Jene Leidenschaft hat wohl neben den Nachwirkungen des schrecklichen ersten Weltkrieges zu seinem Selbstmord im Berliner Atelier beigetragen hat. Immerhin hat Lehmbruck dieser in der Schweiz entflammten Liebe rund 100 Arbeiten gewidmet. Er folgte der Filmschönheit, die reihenweise Männerherzen brach, bis nach Berlin. Sie verließ die Stadt und ihn, den sie als liebenden Mann an ihrer Seite nicht wollte. In der Ausstellung zu sehen sind u.a. Elisabeth Bergner als in Bronze „Betende“ (1917/18), deren „Bildnis“ mit schwarzer Kreide (1917/18) sowie eine Radierung, die Lehmbruck und die Bergner in einer schmerzhaften Szene zeigt – benannt „Zwei Menschen“ (1917).
Nicht von ungefähr betitelte Mück seinen Vortrag mit Bildern auf der Großleinwand „Wohin unerfüllte Liebe führen kann…“ am 25. Oktober, 19 Uhr.

Die hochkarätige Schau wird nach Apolda auf Schloss Gottorf, in Paderborn sowie in Brno gezeigt. Damit gelangt erstmals eine in Apolda konzipierte Exposition ins Ausland.

Zu sehen vom 9. bis 16. Dezember, Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr, Montag nach telefonischer Vereinbarung

Von Wolfgang Leißling