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13.05.2012
Einquartierung mit Nachwirkungen

Ludwig Turek beschreibt seinen Aufenthalt 1919 im thüringischen Blankenhain

Dass die Stadt Blankenhain in der Literatur besonders nachhaltige Spuren hinterlassen hat, wird man wohl nicht behaupten können. Doch in dem autobiographischen Roman „Ein Prolet erzählt“ von Ludwig Turek (erstmals 1929 erschienen) wird im Kapitel „Handgranaten in der Nationalversammlung“ immerhin über den Aufenthalt des Protagonisten in Blankenhain berichtet. Das Buch erlebte später zahlreiche Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Autor Ludwig Turek ist 1898 in Stendal geboren. Nach einem abenteuerlichen Leben verstarb er 1975 in Berlin. Der gelernte Schriftsetzer und Drucker wird früh Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, dann der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, später des Spartakusbundes und der KPD. Im I. Weltkrieg desertiert er vom Militär und wird mit Festungshaft bestraft. Durch die Novemberrevolution kommt er 1918 frei.

Der Teil seines Romans, der hier interessiert, setzt genau an dieser Stelle ein. Turek lässt sich 1919 bewusst als Linker vom Freikorps Maerker anwerben und wird zum Schutz der Nationalversammlung in Weimar eingesetzt. Weil die USPD in Thüringen viele Stimmen errungen hat, werden alle Orte um Weimar herum von Freikorpstruppen besetzt.

Turek kommt zunächst nach Kleinkromsdorf, dann nach Blankenhain. Dort ist er weniger an militärischen Aufgaben interessiert: „Dortselbst gründeten wir mit einer Gruppe von Arbeitern eine Ortsgruppe der USPD. Einen Spartakusbund wollten die Proleten nicht haben. Aber um überhaupt erst einmal eine Bresche zu schlagen in die Politik der Sozialdemokratie, billigten wir das Vorhaben und unterstützten die Genossen“, heißt es in dem Buch.

In der regionalhistorischen Publikation „Weißes Gold aus Blankenhain“ (1981) wird die Gründung der örtlichen USPD durch vier Blankenhainer Arbeiter im Jahr 1919 bestätigt. In Blankenhain sei es aber auch „die Frau eines Hauptmannes, der dort ansässig war“, gewesen, die alle Versammlungen der USPD besuchte und dort eine Rolle spielte, berichtet Turek. Doch auch die Politik ist – folgt man Tureks Roman – ganz offensichtlich nicht das Hauptinteresse des jungen Mannes, denn die Soldaten geraten in Blankenhain „in den Strudel der schier nicht enden wollenden Vergnügungen“. Nach den Entbehrungen der Kriegszeit verständlich.

Mit einem Kameraden ist Turek privat bei „Mutter Knote“ untergebracht. Die Wirtin wird von Turek zwar als „gute alte Frau“ beschrieben, ihre Anwesenheit wird aber dann als störend empfunden, wenn die Soldaten ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen wollen: „Die Mädels, ach, die armen Mädels!“ Da wacht die Mutter Knote „mit Argusaugen“ über die Einhaltung der guten Sitten. Allerdings meist vergeblich, denn die Blankenhainer Mädchen klettern sogar über das Dach eines Holzstalls, der sich genau unter dem Fenster des Schlafzimmers der Soldaten befindet. Turek lässt wenig Zweifel an der Art des Umgangs, den man dann miteinander pflegt ... Sein Kamerad Wilhelm hat nutzbringende Beziehungen – nämlich zur Gulaschkanone der Truppe. Man kann die Besucherinnen verpflegen.

Das Ganze hat freilich unangenehme Nachwirkungen: „Ein Umstand war allerdings wenig erquicklich: wir hinterließen bei den Mädchen von Blankenhain nicht nur schöne Erinnerungen, sondern auch lebendige kleine Tierchen, für deren Vertilgung es so viel nichts nutzende Pulver gibt. In kurzer Zeit waren nämlich alle Mädchen, die Berührung mit uns rauen Kriegern gehabt hatten, verlaust. Das tat uns furchtbar leid, auch den Mädels, aber eine Änderung in den Beziehungen zueinander herbeizuführen, dazu waren diese kleinen Tierchen nicht einflussreich genug.“

Schließlich wird Turek nach Oettern abkommandiert. Später kämpft er in der Roten Ruhrarmee. Er lebt von 1930 bis 1932 in der Sowjetunion, von 1933 bis 1940 im Exil in Frankreich (arbeit dort als Kapitän eines Segelschiffes), wo er sich am antifaschistischen Widerstandskampf beteiligt, danach organisiert er eine illegale Gruppe in Deutschland. Nach dem Ende des II. Weltkrieges geht Turek nach Berlin, lebt als Schriftsteller in der DDR, verfasst Romane, Reiseberichte und Filmdrehbücher. Mit seinem Buch „Die goldene Kugel. Phantastischer Kurzroman um Atomkraft und Weltraumschiffe“ (1949) liefert er das erste Werk der Science Fiction-Literatur der DDR.

Ein Teil des autobiographischen Romans „Ein Prolet erzählt“ wird in der DDR 1957 unter dem Titel „Gejagt bis zum Morgen“ verfilmt (Regiedebüt von Joachim Hasler). Turek arbeitet am Drehbuch mit. Die Hauptfigur „Ludwig Kurda“ spielt Wolfgang Obst. Die DEFA dreht 1973 auch einen Dokumentarfilm über das Leben des Schriftstellers: „Turek erzählt“.
Die Erstauflage „Ein Prolet erzählt. Lebensschilderung eines deutschen Arbeiters“ erscheint 1929 im Malik-Verlag Berlin in einer Auflage von 7.000 Exemplaren (der Autor wird als „Ludwig Tureck“ vorgestellt). Nach dem Weltkrieg wird das Buch in beiden deutschen Staaten verlegt. Die zweite Auflage erscheint bereits 1947, noch vor Gründung von BRD und DDR, im Dietz Verlag in Berlin (Autor „Ludwig Tureck“). In der DDR folgen dann 1957 (Verlag Neues Leben Berlin), 1963 (Verlag Neues Leben und Dietz Verlag), 1968 (Reclam Leipzig), 1972, 1974, 1975, 1976 sowie 1980 (Verlag Neues Leben) und 1985 (Mitteldeutscher Verlag Halle) weitere Auflagen.

In der Bundesrepublik erscheint der Roman 1972 in einer Taschenbuchreihe bei Kiepenheuer & Witsch (Köln). Auch der Fischer Verlag (Frankfurt a. M.) veröffentlicht 1975 eine Taschenbuchausgabe. Bei dem Buch handle es sich um „das bei weitem bekannteste Werk der Arbeiterliteratur aus der Weimarer Zeit“, heißt es im Vorspann. Der Damnitz Verlag (München) verlegt Tureks Autobiographie 1980, der Röderberg Verlag (Frankfurt a. M.) 1985.
Eine deutschsprachige Auflage ist zudem 1932 in der Sowjetunion gedruckt worden, im Staatsverlag für nationale Minderheiten (Charkow/Kiew), eine tschechische 1951 in der CSSR (Verlag Svoboda, Prag) und eine ungarische 1977 in Budapest.

Stefan Wogawa