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22.05.2012
Bibliografische Rarität

Frühe Abschrift des „Achtliederbuchs“ aus Olearius‘ Gesangbuchsammlung aufgetaucht

Titelblatt der Abschrift des sog. Achtliederbuchs
Titelblatt der Abschrift des sog. Achtliederbuchs (Foto: Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt/Sergej Tan)

Die zur Universität Erfurt gehörende Forschungsbibliothek Gotha hat bei eigenen Recherchen im Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung „Mit Lust und Liebe singen – Die Reformation und ihre Lieder“ eine exakte Abschrift des ersten protestantischen Gesangbuchs, des sogenannten „Achtliederbuchs“, entdeckt.

Sie stammt aus der Gesangbuchsammlung des Pfarrers und Hymnologen Johann Christoph Olearius (1668−1747) aus Arnstadt, die er sich im Vorfeld des Reformationsjubiläums von 1717 anfertigen ließ. Dieser Fund wirft ein weiteres Schlaglicht auf den Umfang der bereits im 18. Jahrhundert wirksamen lutherischen Erinnerungskultur, die das Erbe des großen Reformators in all seinen Facetten wach halten wollte.

Bei dem 1524 in Nürnberg gedruckten „Achtliederbuch“ handelt es sich um eine echte bibliografische Rarität, von der sich heute nur noch wenige Exemplare in den Bibliotheken nachweisen lassen. Eines der seltenen Exemplare befindet sich seit 1793 im Bestand der herzoglichen Sammlungen der Forschungsbibliothek Gotha und stammt aus der Bibliothek des Olearius. Wie lässt sich diese Doppelung von Original und Kopie erklären? Offensichtlich war der leidenschaftliche Sammler von Gesangbüchern seit vielen Jahren auf der Suche nach einer Ausgabe des Drucks. Da sich die Suche zunächst als aussichtslos erwies, ließ er sich über den Superintendenten Georg Serpilius (1668−1728) in Regensburg die erwähnte Abschrift anfertigen. Dabei übernahm man sogar die falschen Angaben zum Druckort und -jahr: Wittenberg 1514 statt Nürnberg 1524.

Olearius korrigierte diese Angaben handschriftlich auf dem Titelblatt. Die Abschrift diente ihm dann als Vorlage für eine Neuauflage des „Achtliederbuchs“, das er 1717 als seinen Beitrag zum Reformationsjubiläum herausgab. 1723 konnte er schließlich auf einer Auktion ein gedrucktes Exemplar aus dem Nachlass des Numismatikers, Bibliothekars und Antiquars in Arnstadt Christian Schlegel (1667−1722) erwerben. Beide haben sich neben Johann Friedrich Mayer (1650−1712), lutherischer Theologe und Pastor in Hamburg und Greifswald, mit Besitzvermerken auf dem Titelblatt verewigt und verdeutlichen so die Bedeutung des seltenen Druckes.

Die Sammelleidenschaft des Olearius war jedoch kein Selbstzweck. Er trug nach eigenen Angaben nicht weniger als 15.000 Kirchenlieder zusammen, von denen er viele Tausend in seinen zahlreichen Gesangbüchern edierte. Als Hymnologe ermittelte er die Autoren der Lieder, erforschte deren Herkunft und bot umfangreiche Nachweise, wer wann welches Lied erklärt hat. Auf diese Weise lässt sich noch heute feststellen, welche Bedeutung den einzelnen Liedern in der protestantischen Tradition des 16. bis 18. Jahrhunderts zugekommen ist. Das auf den ersten Blick so unscheinbare Feld des Gesangbuchs entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Teil der protestantischen Memorialkultur, die das Ereignis des Thesenanschlags von 1517 als entscheidendes Zeugnis eines Neuanfangs auf allen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Feldern verstand.

Übrigens: Über den Thüringischen Liederfreund Johann Christoph Olearius und die Gothaer Gesangbuchsammlung referiert Dr. Sascha Salatowsky am Mittwoch, 23. Mai, in der Forschungsbibliothek Gotha. Im Rahmen dieser öffentlichen Veranstaltung wird er auch den neuen Fund aus der Bibliothek vorstellen. Beginn ist um 18.15 Uhr, der Eintritt ist frei.

Quelle: Pressemitteilung
http://www.uni-erfurt.de/uni/dienstleistung/presse/pressemitteilungen/20...