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02.02.2012
Der Ort Dachwig

Die Siedlung blickt auf eine lange Geschichte

Fundstücke vom Dachwiger Stausee
Fundstücke vom Dachwiger Stausee (Foto: Lorenz Adlung)

Zufällig gefundene Faustkeile und Feuersteinpfeilspitzen lassen darauf schließen, dass bereits 10.000 v. Chr. Menschen in dem Gebiet rund um das heutige Dachwig gelebt haben. In den Jahren 1974/5 wurden am Dachwiger Stausee Ausgrabungen durchgeführt, welche auf Niederlassungen aus der Bronze- bzw. Jungsteinzeit (zw. 2.500 und 2.000 v. Chr.) schließen ließen.

Die 300 m x 300 m große Siedlung bestand aus etwa 200 Forsthütten und war mit einem Wall mit zwei bis drei Toranlagen und einem Schutzgraben umgeben, stammend aus der Laténe Kultur der alten Kelten. Östlich dieses Gebietes stieß man in den selben Jahren auf eine Grabanlage mit Totenhütte. Auf einem Hügel an der Dachwiger Grenze zu Herbsleben bzw. Döllstädt (früher Flurstück „Marke“) wurde zu dem ein Gewölbe aus Ziegelsteinen freigelegt, in dem mehrere Skelette und ein Steingrab entdeckt wurden. Diese Stelle hält man für eine Grabstätte bedeutender Persönlichkeiten. Weitere wichtige Ausgrabungen auf der „hohen Stadt“ und nördlich des Dorfes wurde bisher allerdings vernachlässigt und noch nicht durchgeführt.

Erste Aufzeichnungen über Dachwig existieren seit dem 5. bzw. 6. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde das Thüringer Reich von König Bisin und seinem Sohn Herminafried regiert. Es wird vermutet, dass Dachwig das Königsleutedorf mit einer altthüringischen königlichen Tonmanufraktur war. Dachwig taucht in Dokumenten unter dem Namen „Dahaba“, „Thahaba“ oder „Thahabechi“ auf, was nach althochdeutschem bzw. altsächsichem soviel bedeutet wie „Tonbach“.

Im Jahre 531 zerfällt dann allerdings das Thüringische Reich durch den Einmarsch der Franken, welche allerdings nicht ganz Thüringen besetzen können. So kommt es dazu, dass im damaligen Dachwig eine fränkische Wachstation errichtet wird. Die Fläche Dachwigs beläuft sich in dieser Zeit auf ungefähr ein Fünftel des heutigen Areals (bewiesen durch Stadtmauerfunde), zählt aber bereits etwa 1.000 Einwohner (außergewöhnlich viel für die damalige Zeit). Dies kam dadurch zustande, dass Dachwig in diesem Zeitraum an zwei wichtigen Handelsstraßen lag. Eine der beiden führte von Südthüringen direkt über Herbsleben nach Nordhausen, die andere beschrieb einen Weg aus dem Osten der Oder bis nach Mainz.

Bereits im Jahre 846 wird die erste Dachwiger Kirche urkundlich erwähnt, und zwar weil ein gewisser Sandrat 30 Hufe Land verschenkte, um Seelgeräte für eben jene Kirche zu erhalten. Ab dem 12. Jahrhundert regierte dann das Herrschergeschlecht der Ludowinger, unter denen zwischen 1130 und 1147 sogar das Landgericht in Dachwig ansässig war, nämlich auf der Dachwiger Burg (nach Prof. Dominikus). Folglich wurde 1208 eine zweite Dachwiger Kirche errichtet, „Sankt Sebastian“ genannt.

Doch es entwickelte sich mit der Zeit ein gravierendes Problem: Dachwig war immer noch ein selbstverwaltendes Bauerndorf, in dem eine besonders ausgeprägte Demokratie existierte. Es gab zwar einige wohlhabende Bauern, die eine Gemeindeverwaltung und einen Bürgermeister stellten, doch bei Entscheidungen die das Dorf betrafen, wurde stets von der ganzen Bevölkerung entschieden, d.h. jeder Einwohner hatte eine Stimme. Eine solche Demokratie suchte seines Gleichen. Jedoch bestanden Abhängigkeiten zu verschiedenen Gemeinden, weil Lehn nicht abbezahlt werden konnten. Deshalb wurden Teile des Dorfes verschenkt, um die Schulden zu tilgen. 1293 kam es gar dazu, dass ganz Dachwig vom Landgrafen Albrecht an das Kloster Ichtershausen vermacht wurde.

Der Kurfürst von Mainz schenkte 1308 auf seiner Durchreise dem Nonnenkloster Ichtershausen eine Johanneskirche, welche in der Dachwiger Burg eingerichtet wurde. Die Burg wurde 1394 zerstört, jedoch in den darauf folgenden Jahren wieder aufgebaut. 1426 wird sie letztendlich vom Weihbischhof Heinrich wieder eingeweiht. Während alledem wurde Dachwig Teil für Teil an Erfurt verkauft. Der Verkaufsprozess begann 1327 und war 1367 abgeschlossen. Aus den Erfurter Zinsbüchern geht hervor, dass in den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts in Dachwig 276 Familien steuerzahlpflichtig waren. Das bedeutet, in Dachwig lebten in dieser Zeit etwa 1400 Menschen und Dachwig war eine der größten Siedlungen im Umland.

Im Jahre 1521 hatte Dachwig auch einen berühmten Gast; und zwar Martin Luther, der sich auf der Durchreise befand. Dessen Lehren wurden von der Bevölkerung angenommen und in der Folge wurde Dachwig 1524 protestantisch. Die Kirche „St. Sebastian“ wurde im Inneren den protestantischen Normen entsprechend eingerichtet. 1525 war Johann Spinler erster evangelischer Prediger im Dorf. 1142 Einwohner wurden im Jahre 1626 von Pfarrer Ludwig gezählt. Diese Zahl sank durch den 30-jährigen Krieg (1618-48) allerdings schließlich auf gerade mal 119, erholte sich aber in den Folgejahren wieder auf etwa 630 Einwohner. Die Einwohnerzahl des Jahres 1626 wird erst wieder um 1850 überschritten. Im Jahre 1861 wird schließlich die baufällige Kirche „St. Sebastian“ abgerissen und neu erbaut. Am 15. 11. 1863 wird sie unter dem Namen „St. Peter“ eingeweiht und so heißt sie noch heute.

Lorenz Adlung
Für die Unterstützung bei der Recherche möchte ich mich bei Familie Tiedt (um den 2006 verstorbenen Professor Norbert Tiedt) sowie dem Dachwiger Dorfmuseum bedanken!