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03.05.2013
Volksmedizin

Die "Kuriertage" des Schäfers Schlegel in Schwarza

Die Medizin entwickelte sich im 19. Jahrhundert durch die immer stärkere Einbeziehung der Erkenntnisse und Forschungsmethoden der Naturwissenschaften erheblich weiter. Erst auf dieser Basis konnte die Trennung in eine wissenschaftsbasierte Schulmedizin und die auf Erfahrungen zurückgreifende Volksheilkunde erfolgen. Aber selbst in dieser Phase haben heilkundige Laienbehandler gerade in ländlichen Regionen noch eine große Rolle gespielt. Das lässt sich auch in Schwarza bei Blankenhain nachweisen.

Doch der Blankenhainer Rektor Paul Egert, der in seiner „Geschichte der Stadt und Herrschaft Blankenhain“ (1922) die Angelegenheit erwähnt, mochte dem Ganzen wohl nicht so richtig trauen. Bei ihm rangiert die Geschichte denn auch im Kapitel „Aberglaube aus unserer Gegend“. Egert schreibt: „Der Glaube an Wunderheilungen ist hier sehr verbreitet. Einen besonders weiten Ruf genoss viele Jahre bis etwa 1895 der alte Schäfer Schlegel aus Krakendorf, der seine Sprechstunden jeden Freitag bei abnehmendem Monde im Gasthaus zur Polka in Schwarza abhielt. An diesen Besuchstagen herrschte hier ein ungeheuerer Wagenverkehr; denn jedesmal suchten hunderte von Kranken von nah und fern aus allen Teilen Deutschlands den Wunderdoktor auf. Auch eine Menge Pferde wurden hier zur Heilung vorgeführt. Besonders stark war der Zudrang in der Nacht vorm Karfreitag. Marie, die Tochter des Schäfers setzt noch jetzt die Tätigkeit ihres Vaters in Neckeroda fort.“

Noch eine zweite Erwähnung findet sich: bei August Ludwig, 1867 als Sohn des damaligen Pfarrers in Hochdorf geboren, 1892 dann selbst Pfarrer in Taubach, Schriftsteller und Mundartdichter sowie Imker – und als „Thüringer Bienenprofessor“ deutschlandweit bekannt. Ludwig geht in seiner Autobiographie „Wie die Alten sungen“ (1933) mit dem Laienbehandler freilich noch viel ungnädiger um: Schäfer der Schafherde in Hochdorf sei zu seiner Zeit „ein gewisser Schlegel“ gewesen, „der in seinen Mußestunden die kranke Menschheit heilt und damit seinem Geldbeutel wesentlich auf die Beine half“. Kurtag sei – hier weicht Ludwig von Egert ab – „immer Freitag vor Vollmond“ gewesen. Allerdings gibt auch Ludwig, an den noch heute die August-Ludwig-Strasse im Blankenhainer Ortsteil Hochdorf erinnert, zu, dass dann „die Menschen aus weitester Ferne in Wagen und zu Fuß geströmt“ kamen – der Gastwirt habe jedes Mal „ein Bombengeschäft“ gemacht. Ludwig zitiert den namentlich nicht genannten Gastwirt, um nachzuweisen, dass Schlegel dem Alkohol zugeneigt gewesen sei (und legt mit weiteren hämischen Bemerkungen nahe, dass es sich um einen Alkoholiker gehandelt habe): „Wenn Schlegel eenen im Dache hat, macht e de besten Kuren.“

Neben der differierenden Zeitangabe weicht noch eine weitere Erläuterung in Ludwigs Buch von Egerts Darstellung ab: nach Schlegels Tod sei die Tochter nach Schwarza gezogen und habe „dort lange Zeit das Geschäft auf eigne Rechnung weitergeführt“ – auch sie habe dabei großen Zulauf gehabt. „Seine Schafe besorgte Schlegel gut“, gesteht Ludwig immerhin zu, als Kind habe er selbst den Schäfer, dem er und seine Hochdorfer Spielkameraden damals durchaus besondere Fähigkeiten zuschrieben, bewundert.

Nun ist die Einordnung, die Egert und vor allem Ludwig vornehmen, eine abwertende (wenn auch in unterschiedlicher Intensität). Das erscheint im Rückblick zumindest ungerecht. Aktuell stellt etwa die Kulturanthropologin Anne-Christin Lux in ihrem Dissertationsprojekt „Das Erbe der Morloks – Untersuchungen über das Wirken einer Heilerdynastie im nördlichen Schwarzwald“ an der Universität Mainz klar, dass heilkundige Laienbehandler von Scharlatanen und Betrügern zu unterscheiden sind: „Die oft missachtete aber in jüngerer Zeit wieder respektierte „Berufsgruppe“ der Heiler übernahm im 19. Jh. einen nicht zu unterschätzenden Teil der ärztlichen Versorgung zumeist ländlicher Gegenden.“ Das hohe Ansehen des Schäfers, auf das Egert hinweist, spricht für Erfolge in der Behandlung kranker Menschen (und Tiere). Die „Kuriertage“ Schlegels wurden sogar in der örtlichen Zeitung, dem „Blankenhainer Kreisblatt“, mit Anzeigen beworben.

Zur Volksheilkunde gehören Schäfer als Heilkundige. „In schlimmen Fällen halfen den einfachen Bürgern und Bauern seit je die Bader und Schinder, Schäfer und Wurzelkrämer, Schnapsbrenner und Kräuterweiber“, heißt es beispielsweise in einem Artikel im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (Ausgabe 9/1974). Weiter wird dort angemerkt: „Die Doctores der Schulmedizin ließen solche After- und Winkelheilkunst gewähren.“ In dieser „Randmedizin“ sind die „klugen Schäfer“ also gar nicht so selten.

Glaubt man Ludwig, dann soll es vor allem (die schon im Altertum bekannte) Pappelsalbe gewesen sein, die Schlegel verordnete (sowie „Zettelchen mit Schriftzeichen“). Mit seinen hunderten Patienten pro „Kuriertag“ in Schwarza erreichte er allerdings noch nicht die Wirkung eines berühmten Kollegen, des Wunderheilers und Schäfers Heinrich Ast, der Ende des 19. Jahrhunderts in Radbruch bei Lüneburg bis zu 1.000 Patienten täglich behandelte. Dessen Vater wiederum soll, wie Martin Teske in dem Porträt „Heinrich Schäfer Ast – Diagnose aus dem Nackenhaar“ schreibt, seine Kräuter-Mixturen aus „Thüringer Spezialitäten-Fabriken“ bezogen haben.

Stefan Wogawa