Samstag 29. April 2017

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02.10.2011
Graf und St. Christophorus

Der Erkervorbau des Schlosses von Blankenhain

Blankenhainer Schloss, Wappen
Foto: Stefan Wogawa

Das genaue Alter des Blankenhainer Schlosses, vom Typ her eines der in Thüringen sehr seltenen Rundschlösser (mit ovalem Grundriss), ist nicht bekannt. Das Geschlecht der Herren von Blankenhain ist dagegen ab 1256, vier Jahre nach der ersten urkundlichen Nennung des Ortes, nachweisbar. Ihre Burg wurde erstmals 1279 urkundlich erwähnt; demnach war zu dieser Zeit ein „Heinrich von Meildingen“ (wahrscheinlich Mellingen) als castrensis (lat.: Burgmann) in Blankenhain eingesetzt.

Diese Burg wurde in der Folgezeit mehrfach durch Krieg und Brand zerstört. Von ihr sind jedoch noch heute die links und rechts des Tores eingemauerten Löwen in romanischem Stil enthalten, die wohl bis ins 12. Jahrhundert zurück reichen.

Der älteste Teil des heutigen Schlosses ist der Erkervorbau über dem Eingang, der aus dem Jahre 1480 stammt. Zu ihm gehört eine beschädigte Bauinschrift, deren wahrscheinlichste Rekonstruktion lautet: „Anno dni MCCCCLXXX haben wir karl grave zu glichen her zu blancenhain dihs lassen machen“ (lat.: Im Jahre des Herrn 1480 haben wir Karl Graf zu Gleichen, Herr von Blankenhain, dieses lassen machen.). Eine alternative, indes schon aufgrund zahlreicher Abweichungen zum erhaltenen Teil wenig realistische Rekonstruktion bietet der Diakon C. Ackermann in seiner Stadtchronik von 1828 an: „Ano dni MCCCLXXX [sic!] haben wir karl graf von glichen her zu blankenhan dys – wappen – machen“.

Die Schrift selbst ist in gotischer Minuskel ausgeführt. Die gotische Minuskel, die erste Kleinbuchstabenschrift, die für Inschriften verwendet wurde, setzte sich ab der Mitte des 14. Jahrhunderts als Schriftform durch und wurde erst im 16. Jahrhundert durch die Kapitalis, eine Großbuchstabenschrift, verdrängt. Die Charakteristik der gotischen Minuskel ist die Brechung aller Rundungen. Auch bei a, e, g, m, n oder s gibt es keine Rundungen, die Buchstaben setzen sich ausschließlich aus größeren und kleineren Strichen zusammen.
Das auf dem Erkervorbau dargestellte Wappen ist das gotisch verzierte Wappen der Grafen von Gleichen, deren Seitenlinie 1416 die Herrschaft Blankenhain als Lehen des Erzbistums Mainz erhielt: Ein hersehender gekrönter Löwe. Schildhalter sind zwei Gestalten, deren Deutung lange Jahre große Schwierigkeiten bereitete.

Vor allem die linke Figur wurde auf vielfältige Art gedeutet, nicht unwesentlich von mehreren Veränderungen beeinflusst. Nach Ackermann handelt es sich bei der Figur, die früher die rechte Hand erhoben hielt, um einen Geißelschwinger; sie soll demnach eine Anspielung auf die Gefangenschaft des Ahnherren des Geschlechts der Grafen von Gleichen, der Kaiser Friedrich II. auf dem Kreuzzug begleitete, „im Morgenland“ sein. Sie wurde 1806 von Franzosen – Blankenhain war von 1806 bis 1813 französisch besetzt – beschädigt und später falsch ergänzt. Eine Fotografie in der Stadtchronik von 1922 zeigt sie mit einem Schwert in der Hand. Ein im Stadtarchiv gefundener Bericht des hatzfeldischen Beamten Tucher von 1663 (die Grafen von Hatzfeld waren von 1639 bis 1794 Herren von Blankenhain) beschreibt sie als Graf von Gleichen, einen Kübel oder Zuber in der Hand haltend. Dementsprechend wurde die Figur in diesem Jahrhundert erneut rekonstruiert und hält heute wieder einen Zuber, allerdings ohne die Hand erhoben zu haben. Sie weist wohl auf einen Schlossbrand hin und zeigt einen Grafen, der beim Löschen hilft.

Die rechte Figur stellt St. Christophorus mit dem Jesuskind auf dem Arm dar. Der Legende nach besaß Christophorus große Kräfte und trug christliche Pilger über einen Fluss. Als er dabei einmal ein Kind trug, offenbarte das sich ihm als Jesus von Nazareth, worauf er sich bekehren ließ und als Missionar wirkte. Der volkstümliche Heilige, dessen Bild vor einen plötzlichen Tod schützen sollte, war im Mittelalter sehr beliebt – und offenbar der Schlossheilige von Blankenhain.

Stefan Wogawa