Montag 11. Dezember 2017

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20.08.2011
Philosoph Arthur Schopenhauer

„Das Leben ist eine mißliche Sache“

Arthur Schopenhauer
Der Philosoph Arthur Schopenhauer (Foto: na)

Als der sechsundzwanzigjährige Student Arthur Schopenhauer im Frühjahr 1813 Berlin verlässt und über Dresden, Jena und Weimar bis nach Rudolstadt gelangt, ist es der Krieg in Gestalt der vor den Toren der preußischen Hauptstadt stehenden Truppen Napoleons, der ihn von dort vertreibt.

Am 9. Juli angekommen, bezieht er in Rudolstadt ein Zimmer im Gasthof „Zum Ritter“. Beim Gasthof handelt es sich, so schreibt er später, um den „in jenen unruhevollen Zeiten für einen heimatlosen Menschen passendsten und eigens angemessenen Aufenthaltsort“. Und über Rudolstadt selbst äußert Schopenhauer, der seit der Kindheit die Berge liebt: „In meiner Rudolstädter Zurückgezogenheit fesselten mich die unaussprechlichen Reize der dortigen Gegend. Meiner ganzen Natur nach dem Militärwesen abhold, war ich glücklich in dem nach allen Seiten hin von bewaldeten Bergen umhegten Tale jenen ganzen kriegerischen Sommer hindurch keinen Soldaten zu sehen und keine Trommel zu hören, und lag in tiefster Einsamkeit, durch nichts zerstreut oder abgezogen, ununterbrochen den abgelegensten Problemen und Untersuchungen ob.“

In dieser Atmosphäre der Ruhe und Sammlung verfasst er die erkenntnistheoretische Arbeit „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“, mit der er im Oktober an der Philosophischen Fakultät der Landesuniversität Jena in absentia promoviert, „magna cum laude“, wie die Promotionsurkunde ausweist. Zur gleichen Zeit entsteht sein romantisches Gedicht „Die Felsen im Thale bei Schwarzburg“.

Die Zeit in Rudolstadt ist indes nicht der erste Aufenthalt Schopenhauers in Thüringen. Der künftige Philosoph stammt aus einer reichen Danziger Kaufmannsfamilie und soll auf Wunsch des Vaters selbst die ungeliebte Kaufmannslaufbahn einschlagen. Doch schon in jungen Jahren hat er anderes im Sinn. „Das Leben ist eine mißliche Sache“, lässt er 1811 bei einem Besuch in Weimar, wo seine Mutter, die Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, inzwischen einen viel besuchten Literatursalon führt, Christoph Martin Wieland wissen, „ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.“ Doch schon während einer Bäder- und Bildungsreise der Familie von Juli bis Oktober 1800 nach Karlsbad und Prag macht man, wie der zwölfjährige in seinem Reisetagebuch vermerkt, Station in Thüringen, das ihn stark beeindruckt.

Am 28. Juli sind die Schopenhauers in Eisenach („Eisenach hat eine sehr romantische Lage, es ist von allen Seiten mit Bergen umringt; auf einem derselben steht die alte Wartburg.“), am 29. Juli reisen sie über Gotha und Erfurt nach Weimar, wo sie den folgenden Tag verbringen („Danach gingen wir in den Park, wo wir Schiller begegneten.“). Dann sind sie in Jena („Wir stiegen auf die Berge um Jena, welche die prächtigste Aussicht verschaffen.“) und am 1. August schließlich in Schleiz.

Nach dem frühen Tod des Vaters holt Arthur Schopenhauer am „Gymnasium illustre“ in Gotha und in Weimar die nötige Schulbildung nach und studiert dann ab 1809 in Göttingen und Berlin Medizin, wechselt aber bald zur Philosophie. Der Promotion in Jena folgt die Bekanntschaft mit Goethe in Weimar. Der soll, so eine Anekdote, etliche Damen, die sich über den Ernst des jungen Schopenhauer lustig machten, mit den Worten „Kinderchen, laßt mir den dort in Ruh, der wächst uns allen noch über den Kopf“ zurechtgewiesen haben. Und in Schopenhauers Stammbuch schreibt Goethe, der den melancholischen Grübler als Gesprächspartner sehr schätzt, im Mai 1814: „Willst du dich deines Wertes freuen, so mußt der Welt du Wert verleihen.“ Doch Schopenhauers Schrift „Über das Sehen und die Farben“ (1816), mit der er Goethes eigener Farbenlehre widerspricht, führt zum Bruch. „Trüge gern noch länger des Lehrers Bürden, wenn Schüler nur nicht gleich Lehrer würden“, beendet der verstimmte Dichterfürst in einem Epigramm die gewachsene Vertrautheit mit dem „merkwürdigen und interessanten Mann“. Auch mit der Mutter, der er schon lange entfremdet ist, entzweit sich Arthur endgültig.

In Dresden legt Schopenhauer 1819 sein Hauptwerk vor, „Die Welt als Wille und Vorstellung“, in der er seine pessimistische Philosophie der Sinnlosigkeit von Existenz darstellt. Dieses Gedankengebäude weist der Welt und dem Menschen nur die Rolle einer störenden Episode in der Ruhe des Nichts zu - etwas „das eigentlich nicht sein sollte“. Das Werk ist von Platon, Kant und den indischen Philosophien der Upanishaden und des Vedanta, in die ihn in Weimar Friedrich Majer eingeführt hatte, beeinflusst - und bleibt lange nahezu unbeachtet. Als ebenso erfolglos erweist sich die Dozentur in Berlin: Der ehrgeizige Schopenhauer hat seine Vorlesungen „Über die vier verschiedenen Ursachen“ und „Über die gesamte Philosophie“ auf die gleiche Zeit gelegt, in der Hegel sein berühmtes Hauptkolleg hält - worauf kaum ein Student zu ihm kommt. Daraufhin zieht er sich verbittert nach Frankfurt am Main zurück, wo er als freier Schriftsteller von seinem ererbten Vermögen einsam und die Menschen verachtend lebt.

Erst Jahrzehnte später, kurz vor seinem Tod (Schopenhauer stirbt 1860), wird er stärker wahrgenommen und seine Werke gelesen. Die Schrift „Parerga und Paralipomena“ mit den „Aphorismen zur Lebensweisheit“ bringt 1851 endgültig den Durchbruch, wenngleich die eigentlichen Ursachen wohl tiefer liegen: Die immensen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen - die gescheiterte Revolution von 1848 und die folgende Restauration sowie die Auswirkungen der rasenden Industrialisierung - haben die Menschen resignieren lassen und empfänglich gemacht für eine Philosophie, die Entfremdung und Desorientierung widerspiegelt, für eine Philosophie, für die das Leben nur ein Leiden am Leben ist.

Und den Kritikern seiner Art des Denkens entgegnet Schopenhauer, der seine Rudolstädter Dissertation als den Unterbau seines gesamten philosophischen Systems bezeichnet, sprachgewaltig: „Sie schreien über das Melancholische und Trostlose meiner Philosophie; das liegt aber bloß darin, daß ich statt als Äquivalent ihrer Sünden eine künftige Hölle zu fabeln, gezeigt habe, daß wo die Sünde ist, in der Welt, auch schon etwas Höllenartiges sei.“ (na)